:: Topmedizin und Skandale: So funktioniert das AKH
Topmedizin und Skandale: So funktioniert das AKH
Das 10.000-Mitarbeiter-Spital hat mehr zu bieten als Negativschlagzeilen. Die Direktoren Krepler und Wetzlinger führen durch "ihr" Haus. 568.201 Fälle hatten die 68 Ambulanzen im Vorjahr zu bearbeiten.
Wir sind kein Skandalkrankenhaus!“ Lautstärke und Ton, mit denen Reinhard Krepler diese Worte spricht, passen eigentlich nicht zum ruhigen Naturell des 65-Jährigen. Seit inzwischen 22 Jahren steuert der gelernte Pathologe das größte Spital der Republik, das Wiener Allgemeine Krankenhaus, kurz: AKH.
Leise, fast schüchtern, erzählt er von medizinischen Spitzenleistungen, die in und rund um die zwei markanten Bettentürme erbracht werden. Forsch wird er nur, wenn „sein Haus“ in der Öffentlichkeit als mutmaßliche Oase für Korruption Schlagzeilen macht. Wie funktioniert eigentlich ein Spital, das bei Kritikern unter Generalverdacht steht, gleichzeitig aber als Fundament der österreichischen Gesundheitsversorgung gilt?
Wir helfen, wenn andere nicht mehr können“, beschreibt Krepler die Aufgabe des AKH, wie er sie sieht. Die Fähigkeiten der anderen Krankenhäuser will er dabei nicht schmälern. Fakt jedoch ist, dass die wirklich schweren Fälle fast alle hier landen. Egal, ob Unfallopfer, Krebspatienten, Frühgeborene oder Transplantationskandidaten jedweder Art. Hier, am Gürtel, ist alles unter einem Dach, gibt es ungeahnte Möglichkeiten. Leben und Tod wohnen Tür an Tür. Tag für Tag. Auch heute.
Während sich auf Ebene neun ein Frühchen im geschützten Umfeld des Inkubators auf das Leben vorbereitet, kämpft auf Ebene sechs ein Patient um ebendieses. Erst vor wenigen Minuten hat ihn der Rettungshubschrauber auf dem Dach abgesetzt. Mit einem direkten Lift ging es einen Stock tiefer in den Schockraum der Notfallaufnahme. Dort bearbeitet nun ein Team von Ärzten und Pflegern den Burgenländer, der wie ein blasses Stück Fleisch auf dem Behandlungstisch liegt. Passanten fanden ihn in seiner Heimatgemeinde fast leblos auf. Die Kerntemperatur seines Körpers beträgt nur noch 26 Grad. Das ist die eine Seite der Notfallmedizin. Dramatisch, manchmal tragisch, immer wieder jedoch vollbringt sie kleine Wunder.
Eine andere Seite stößt Krepler übel auf. Mangels Angebots bei den niedergelassenen Ärzten in Wien wird das Spital seit jeher als eine Art Rund-um-die-Uhr-Hausarzt für alle missbraucht. Der Patient, der nach dem Heurigenbesuch um vier Uhr morgens wegen eines vermeintlichen Tennisarms die Ambulanz aufsucht und sofortige Hilfe erwartet, ist hier kein Gerücht, sondern gelebte Realität – und macht den Betrieb des Spitals teuer und manchmal mühsam.
568.201 Fälle hatten die 68 Ambulanzen im Vorjahr zu bearbeiten. Der Bilanzverlust betrug 52 Millionen Euro. Trotz der Zuschüsse von Stadt Wien und Republik Österreich. Dass es bei einer derartigen Betriebsdichte auch zu Wartezeiten kommt, ist logisch, wollen jedoch immer weniger Patienten verstehen. Die Leiden des medizinischen Personals, das dabei oft bis zum Äußersten geht, dringen nur selten nach außen. Zuletzt im Herbst 2010, als auf der Geburtenstation von einem akuten Personalmangel bei den Hebammen die Rede war.
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