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Wien:

:: Wohnungslos in Wien: Abwärts zum Neuanfang

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Wohnungslos in Wien: Abwärts zum Neuanfang

Die Armut in Österreich nimmt zu und mit ihr auch die Zahl der Obdachlosen: In der Gruft trifft der Ex-Sträfling auf den ehemaligen Bankdirektor

Die Steinstufen hinunter in das Gewölbe unter der Barnabitenkirche in Wien-Mariahilf bedeuten seit 25 Jahren den Weg zu einer der letzten Stationen des sozialen Abstiegs. Hinter der dunkelbraunen Holztür mit Aufschrift "Gruft" erwartet viele aber auch ein neuer Anfang.

Daran arbeitet auch Wolfgang Renner, 47. Er hat den Weg nach unten bereits hinter sich: "Ich hab jemanden erschlagen", sagt er. "Der Typ hat meine Frau umgebracht. Und meine Tochter. Bei einem Autounfall. Ich bin durchgedreht. Das war's. Zehn Jahre Schmalz." Das Ganze erzählt er ohne merkliche Gefühlsregung und scheint, weder Verständnis noch Mitleid noch Anklage zu erwarten. 

Ein paar Männer mit kläffenden Hunden stehen im Eingangsbereich, von Neonröhren grell beleuchtet. Sie rauchen, trinken Tee und warten, um ihre Wäsche zu waschen. "Die Klienten legen Wert auf ihr Äußeres. Das hat etwas mit Selbstwürde zu tun", erklärt Susanne Peter, Leiterin des SozialarbeiterInnen-Teams. Peter war von Anfang an dabei, arbeitet seit 25 Jahren mit Obdachlosen.

Den "typischen Obdachlosen" gibt es nicht mehr

Seit einem Vierteljahrhundert ist die Gruft der Wiener Caritas Anlaufstelle für Wohnungslose, die hier einen Schlafplatz für die Nacht finden und drei Mahlzeiten am Tag. 17 Prozent der WienerInnen sind arm oder armutsgefährdet. In Österreich gilt als arm, wer weniger als 994 Euro im Monat zur Verfügung hat. Geschätzte 800 Menschen in Wien sind permanent obdachlos, über 7.000 nehmen zeitweise Obdachloseneinrichtungen in Anspruch - Tendenz steigend. "Den 'typischen Obdachlosen' mit langem Bart, der sich auf der Parkbank an seinen Doppler klammert, gibt es kaum noch", sagt Klaus Schwertner, der seit drei Jahren als Pressesprecher bei der Caritas tätig ist.

Die Klientel habe sich stark verändert, erzählt Schwertner. Immer häufiger würden jetzt sehr junge Menschen kommen, oft mit massiven Schulden. Vor allem unbezahlte Handyrechnungen sind bei vielen der Einstieg in die Schuldenfalle. Aber auch Scheidung oder Krankheit können Leute in eine Lage bringen, aus der sie keinen Ausweg mehr finden. Meist ist es eine Verkettung mehrerer Umstände, die Menschen in die Armut treibt. In die Gruft kommen Berufstätige, Selbständige, ehemalige Ärzte, Polizisten und Bankdirektoren. Armut stigmatisiert, macht einsam. Dabei wird man "schneller als man denkt vom Spender zum Obdachsuchenden", sagt Sozial-Teamleiterin Susanne Peter. Tatsächlich fällt es bei einigen Klienten schwer zu glauben, dass sie auf die Essensrationen der Caritas angewiesen sind. "Hierher kommt keiner, der es nicht wirklich braucht", so Peter.

Murmeln erfüllt den Raum, der Duft nach Essen liegt in der Luft. Es gibt Gemüsesuppe. Die Klienten kochen heute selber, sonst sind auch Freiwillige hier, die aufkochen. Aus dem Radio klingt Popmusik, dazwischen hört man das Hacken des Küchenmessers, Gemüse wird geschnitten. Der Kochbereich grenzt ohne Trennung an den Speisesaal, der ab dreiviertel zehn zum Schlafsaal wird. "Schleich dich, du Trottel", faucht jemand über die Theke zur Küche. Aus dem Nichts entflammt inmitten der lesenden und Kaffee schlürfenden Klienten ab und zu auch ein Anflug von Gereiztheit.  Bei aufkeimenden Streitigkeiten greifen entweder die Klienten selbst oder die SozialarbeiterInnen kalmierend ein. Die immer lauter keifende Hundemeute allerdings ist kaum zu bändigen. "Hunde", sagt Susanne Peter, "sind für diese Leute oft die einzigen Freunde und Zuhörer, die nicht zurückreden".

Mehr auf: derstandard.at

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